zusammengestellt von P. Hans Hütter
Es geht nicht darum, das Scheitern von der höheren Warte" des Glaubens aus in einen umfassenden Sinnzusammenhang hinein aufzuheben" oder religiös" zu verklären; es geht vielmehr um die Frage, ob Glaubende auch ihr Scheitern als Gnade erfahren können: als die Gnade des Nullpunkts. Mehr als ein paar tastende, fragende Hinweise verträgt dieses Thema" nicht - damit es nicht doch wieder verallgemeinernd-erfahrungsfern abgehandelt und in einer Gnadentheorie. stillgestellt wird. Vielleicht fühlt sich die Gnade des Scheiternden so an: daß er nichts mehr - vielleicht nur in dieser oder jener Hinsicht nichts mehr - zu verlieren hat, daß er auch seine falschen Rücksichten verloren hat, daß er out ist draußen aus den starren Regelkreisen, in denen wir uns gegenseitig falsch stabilisieren und mißbrauchen, eben ein outcast (ein outcaste: ein kastenloser Paria), einer, auf den man nicht rechnet und der deshalb selbst nicht rechnen muß; einer, bei dem die Wahrheit - Gottes Geist - eine Chance hat.
Das klingt vielleicht alles viel zu dramatisch und emphatisch. Die Gnade des Nullpunkts greift - und wir sind ja froh darüber - meist nur in kleiner Dosierung" nach uns. Aber die Charismatiker des "Draußenbleibens", die sich ihr ungeschützt aussetzen - etwa Franz von Assisi und seine Jünger -, führen uns vor Augen, was diese Gnade bewirken könnte: wie der Herausgeworfene", Heraus-Gescheiterte Ort der Wahrheit sein könnte; sie führen uns vor Augen das Greifbarwerden der Verheißung, die in der Selbstauslieferung an Gottes zurechtbringende, heilende Wahrheit liegt. Die Gnade des Nullpunkts, des Heraus-Scheiterns aus den falschen Rücksichten, Kumpaneien und Interessenverflechtungen, das Aufmerksamwerdenkönnen auf das, was ist, was geschehen ist, ohne daß uns gleich der Drang überfällt, aus der Situation das Beste" - für wen? - zu machen. Wann haben wir erfahren, daß diese Gnade nach uns greift, wenn wir uns von ihr ergreifen lassen?
Das dürfen wir uns mit allem Ernst fragen: Bietet Gott der Kirche die Gnade des Nullpunkts an? Stellt er sie auf die Probe, ob sie scheitern kann"? Es wird viel davon abhängen, ob sie es kann oder ob sie unfähig ist zu scheitern, fähig nur zum blinden Weitermachen. Gewiß, es ist sträflich ungenau, hier einfach von der Kirche" zu sprechen; ungenau deshalb, weil die Gnade - weil Gottes Geist - in der Kirche ganz unterschiedlich zur Geltung und Wirkung kommt - aber bestimmt nicht abgestuft von oben nach unten". So kann es geschehen, daß das Scheitern bei uns in der europäischen Kirche völlig anders aussieht als anderswo; daß wir" das Scheitern noch vor uns haben, während Gemeinden und Gemeinschaften in anderen Weltgegenden schon in der Gnade des Nullpunkts aufblühten - den Geist, der im Sterben neues Leben schafft, schon erfahren durften. Dann stellt sich die Frage so: Werden wir - hier bei uns - die Gnade des Nullpunkts verpassen, uns im bloßen
Weitermachen verschanzen und weiterhin ignorieren, was anderwärts und - vielleicht weithin unerkannt -unter uns als Frucht des auferweckenden Geistes wachsen und aufblühen durfte. Noch schärfer gefragt: Wird die alte" europäische Kirche noch so viel an Verdrängungsenergie aufbieten können, daß sie sich all das vom Leib" halten kann - ihr Leib ist ja der Leib Christi -, was das resignierte Weitermachen bei uns in Frage stellt und als das erscheinen läßt, was es ist? Es wird Zeit, das "Veni creator spiritus" an Pfingsten ernsthafter zu beten, sein Kommen zu erflehen, auch wenn es die Gnade des Nullpunkt sein sollte, in der er uns ergreifen will.
Aus: Gotthard Fuchs / Jürgen Werbick, Scheitern und Glauben. Vom christlichen Umgang mit Niederlagen. Herder, Freiburg 1991.
Immer wieder brechen wir auf,
kommen trostlos zurück
vom Friedhof einer begrabenen Hoffnung.
Und jedesmal mehr
haben wir ein Stück von uns selber begraben
und meinen: Jetzt ist alles aus!
Immer wieder gesellt sich auf diesem Kreuzweg
unerwartet einer zu uns,
geht ein Stück mit auf der Straße des Lebens.
Sagt nicht nur »Herzliches Beileid«,
sondern nimmt unsere Hand,
bringt uns zum Sprechen,
taut langsam uns auf.
Immer wieder trifft uns ein Wort,
macht uns betroffen.
Läßt uns erfahren:
Ich bin damit gemeint.
Und wir erahnen im Rückblick den Sinn,
den roten Faden der Führung in unserem Leben,
weil da ein Fremder zu deuten versteht:
»Mußte nicht der Messias dies alles erleiden . . .«
»Kann es nicht sein, daß auch du . . .«
Immer wieder, wenn die Sonne sich senkt,
geht uns ein Licht auf:
Freunde zusammen am Tisch,
am Altar, am Stammtisch, im Urlaub.
Gespräche. Erinnerungen. Spürbare Nähe.
Wir fühlen uns wohl und geborgen
mindestens jetzt, für diese Stunde.
Das Leben ist schön, trotz allem.
Dankbarkeit keimt in uns auf für alles Geschenkte
und ein Anflug von Hoffnung für Morgen.
Immer wieder erfahren wir:
In all dem liegt noch ein »Mehr«,
das wir nicht ausdrücken können,
das sich dem Zugriff entzieht.
Vielleicht ist tatsächlich ER es, der Herr,
Und wir versuchen zu beten:
»Herr, bleibe bei uns!«
Aus: Hermann Josef Coenen, Meine Jakobsleiter.
Patmosverlag Düsseldorf 1986
Engel kommen daher in verschiedenen Gewändern. Sie beherrschen die Kunst der Verwandlung. Sie verwandeln sich in einen Menschen, der uns auf unserem Weg begleitet. Sie verwandeln sich in einen Arzt, der unsere Wunden heilt, in einen Therapeuten, der uns herausholt aus der Verstrickung unserer neurotischen Muster, in einen Priester, der uns befreit von unsern Schuldvorwürfen. Engel kommen unverhofft", singt ein modernes Lied. Manchmal ist es Dein Freund oder Deine Freundin, die Dir ein Wort sagen, das Dir alles in ein neues Licht taucht. Manchmal ist es ein Kind, das Dich anschaut und Dir zeigt, wie unwichtig die Probleme sind, mit denen Du Dich herumschlägst.
Engel sind Künstler der Verwandlung. Der Engel der Verwandlung aber möchte Dich einführen in das Geheimnis Deiner Verwandlung. Wenn Du lebendig bleiben willst, mußt Du Dich immer wieder wandeln. Was sich nicht wandelt, erstarrt. C.G. Jung meint einmal, der größte Feind für die Verwandlung sei ein erfolgreiches Leben. Denn da meint man dann, es sei doch alles gut. Man brauche sich nicht zu wandeln. Und dann bleiben solche Menschen innerlich wie äußerlich stehen. Sie wiederholen die gleichen Redensarten, die sie schon vor zwanzig Jahren immer gesagt haben. Sie setzen auf die gleichen Lösungen, die schon immer funktioniert haben. Sie werden langweilig. Man hat wenig Lust, sich mit ihnen zu unterhalten. Ihr Reden und Denken ist abgestanden, wie kalter Kaffee, der nicht mehr schmeckt.
. . .
Der Engel der Verwandlung möchte Dir Mut machen, alles, was in Dir ist, mit einem milden Blick anzuschauen, weil alles in Dir das Material ist, das sich verwandeln möchte, bis immer mehr durch alles hindurch Dein unverfälschtes Bild aufleuchtet.
Aus: Anselm Grün, 50 Engel für das Jahr. Ein Inspirationsbuch. Herder Spektrum, Freiburg 1997.
Hinter Schleiern
kommst Du
in Menschen und Dingen
Du offenbarst Dich täglich
verborgen
Immer geschiehst Du
im Da
Glanz eines Morgens
Dunkel der Nacht
Windhauch
im Dämmer des Abends
Alles Saum Deines Mantels
vorüberwehend
leiser Flügelschlag
flüchtiger Atem
Du in jeder Gestalt
Du läßt Dich
erahnen
Aus: Theresia Hauser, Du bist nahe. Sich betend erinnern. Schwabenverlag, Ostfildern 1996
Salzburg, 19.4.00 (KAP) Die Kirche ist nach den Worten des Wiener Weihbischofs Helmut Krätzl viel "lebendiger" als die immer wieder veröffentlichten Statistiken über Kirchenaustritte oder sinkenden Kirchenbesuch zeigen. Wie der Bischof am Dienstagabend bei einer Podiumskussion in Salzburg zum Thema "Kirche ohne Volk?" sagte, gebe es an der Kirchen-Basis "viel mehr Leben, als wir wahrnehmen". Krätzl wörtlich: "Das Volk ist da und es geschieht was an der Basis".
Aber auch rein statistisch steht nach den Worten Krätzls die Kirche nicht so schlecht da, wie dies manche behaupten: "Jeden Sonntag sind in Österreich eine Million Gläubige in den Kirchen". Zu Ostern würden es noch mehr sein. Eltern brächten ihre Kinder zur Taufe, obwohl sie der Kirche fern stehen oder ausgetreten sind. Und die Erstkommunion sei noch immer ein "Familienfest".
Viele Menschen, die sich von der Kirche trennen, seien "innerlich Enttäuschte", denen es zu schaffen mache, dass die Kirche an Ansehen und Einfluss verloren habe und nicht mehr - wie etwa in den fünfziger Jahren - bis in die Politik hinein die Werthaltungen der Gesellschaft präge. Für viele enttäuschend sei auch, dass scheinbar nur mehr die drei Themen "Abtreibung", "Sonntag" und "Ehe" diskutiert würden. Themen wie Umwelt oder Frieden, die auch die Jugend bewegten, kämen nicht zur Sprache. Viele meinten zudem, die Haltung der Kirche in Fragen der Sexualmoral sei lebensfremd. Krätzl ortete daher einen "Reformstau". Verkündigung dürfe nicht nur "von oben herab" geschehen: Verkündigung sei nur wirksam, "wenn sie einen Bezug zum Leben hat, wenn die Lehre tröstend und heilend ist". Auch in Fragen der Sexual- und Ehemoral gehe es um einen positiven Ansatz, der Naturbegriff von "Humanae vitae" sei weiterzudenken. Krätzl wörtlich: "Glauben anbieten und nicht disziplinieren, das ist unsere Aufgabe."
Neue Formen des "Dialogs" mit der Welt müssten gefunden werden. Die Kirche sei heute nur mehr "eine sinnstiftende Instanz unter vielen". Das erfordere "Toleranz" und "Respekt vor anderen". Die Kirche dürfe sich dabei aber auch nicht anbiedern. Krätzl: "Der christliche Geist muss herausfordern. Wir glauben, dass wir einen Dienst anzubieten haben, und sollen das absichtslos und bescheiden tun".
Auch die evangelische Superintendentin für Salzburg und Tirol, Luise Müller, nannte den Titel der Podiumsdiskussion "Kirche ohne Volk?" zwar "klangvoll, aber falsch". Bloße Zahlen der Gottesdienstbesucher deuten zwar auf einen Rückgang hin. Aber besondere Gottesdienste wie etwa Krabbelgottesdienste für Eltern mit ganz kleinen Kindern oder Familiengottesdienste "boomen". Auch Gottesdienste zu hohen kirchlichen Festen seien zunehmend besser besucht. "Die Menschen haben auch jetzt Sehnsucht nach mehr, nach etwas, das sich nicht im Alltagsgeschäft erschöpft", so Müller. Die Superintendentin äußerte sich jedenfalls überzeugt: "Wenn wir anfangen, besser hinzuhören, erreichen wir die Menschen auch".
Der Journalist Paul Schulmeister verwies bei der Diskussion besonders auf die Situation in den neuen deutschen Bundesländern, die scheinbar ein "Leben-können ohne Transzendenz" vorexerzieren. Nach der Wende sei im ehemals kommunistischen Teil Deutschlands ein "Vakuum" entstanden, dass keineswegs religiös oder kirchlich gefüllt werden konnte: 100.000 Jugendliche würden - auch nach dem Ende des Kommunismus - weiterhin an der "Jugendweihe" teilnehmen. In Wittenberg hätten im vergangenen Jahr 900 Jugendliche an der "Jugendweihe" teilgenommen, aber lediglich 90 an der evangelischen Konfirmation. Selbst als Anbieter in Lebenswende-Situationen sei die Kirche besonders im ehemaligen Ost-Deutschland immer weniger gefragt. "All-inklusive-Bestattungsunternehmer" etwa ersetzen die kirchliche Beerdigung. (Schluss)
Kathpress 19.04.2000 14:42
K200002583
Eisenstadt, 19.4.00 (KAP) Zu einer "neuen Radikalität und Einfachheit des Glaubens" hat der Wiener Weihbischof Alois Schwarz alle Priester und Diakone aufgerufen. Priester seien mit "allzu vielem" beschäftigt. Sie "verwalten" Gott, sollten ihn aber "neu suchen", sagte Schwarz am Mittwoch bei einem Besinnungstag für Priester und Diakone im "Haus der Begegnung" in Eisenstadt zur Vorbereitung auf die Chrisam-Messe im Dom von Eisenstadt.
Wie der Wiener Weihbischof sagte, litten manche Priester an "innerer Müdigkeit, Unzufriedenheit, Resignation und Erschöpfung". Die Gefahr des "Leerlaufes" sei groß. Die Frage von Priestern "Was soll ich denn noch alles?" sei ein "Aufschrei" und ein Signal dafür, dass vielleicht die "innere Quelle" versiegt und "das Osterlicht nicht sichtbar" ist. Umso mehr ermutigte Bischof Schwarz die Priester und Diakone zu einer "geistigen Offensive", wobei sie mehr als bisher in einen "geistigen Wettbewerb eintreten" sollten. Es gehe darum, im Dialog "die anvertraute Gemeinde auf Gottsuche mitzunehmen" und im Hochhalten der Osterkerze - dem Symbol des Auferstandenen - einen "neuen Orientierungspunkt der Hoffnung" zu finden. Denn die Priester und Diakone sollten als "österliche Menschen" die Freude Gottes vermitteln und sich als "Experten in der Sinnsuche der Menschen" erweisen. (Schluss)
Kathpress 19.04.2000 11:40
K200002577
Der emeritierte Wiener Neutestamentler Prof. Jacob Kremer hat in den letzten Wochen am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom eine Vorlesungsreihe gehalten. "Kathpress" dokumentiert seine Deutung der Auferstehungsbotschaft:
"Am dritten Tag nach seine Tod vereinigte Jesus seine Seele wieder mit dem Leib und stieg glorreich von den Toten auf" (Katholischer Katechismus der Bistümer Deutschlands, 1956). So wird es heute kaum noch gelehrt. Warum? Der zitierte Merksatz fußt auf einer vereinfachenden Deutung des Ostergeschehens mittels der Erklärung des Todes als Trennung von Leib und Seele in der griechischen Philosophie. Diese ist der Bibel fremd. Neuzeitliche Zweifel an der Osterbotschaft zwangen in den letzten Jahren dazu, die oft vernachlässigten Aussagen der Bibel besser zu berücksichtigen.
Dort wird die Auferstehung Jesu nirgendwo beschrieben. Eine Schilderung findet sich erst in dem apokryphen Petrusevangelium (3. Jahrhundert): Der Gekreuzigte steigt aus dem Grab heraus, gefolgt von einem Kreuz. Gemälde von dem Heraustreten bzw. -schweben Christi aus dem Grab gibt es erst seit dem Mittelalter (z.B. Glasfenster in Viktring). Die älteste im Westen bekannte Darsteilung ist die "Kreuzestrophäe" auf einem römischen Sarkophag (um 350): Unter dem als Siegeszeichen aufgerichteten Kreuz mit dem von einem Lorbeerkranz umwundenen Christuszeichen (XP) sitzen zwei Wächter nach Art besiegter Barbaren, zwei Tauben (Symbole der Getauften) nähren sich von dem Siegeskranz, hinter dem noch zwei Ströme als Zeichen der Geistausgießung erkennbar sind.
Die Ostkirche stellt das Ostergeschehen auf der meist "Abstieg in die Scheol" genannten Ikone mit der Aufschrift "Anastasis" (Auferstehung) dar: Der Gekreuzigte steigt in die Unterwelt hinab, überwindet den als Person vorgestellten Tod, zerstört die Riegel der Hölle und führt Adam, Eva und Gerechte des Alten Bundes aus dem Totenreich herauf. Dieser Ikone liegt noch die im alten Orient damals bekannte Vorstellung zu Grunde, gemäß der Grab und Unterwelt (Scheol), wo die Toten versammelt sind, eine Einheit bilden. Die alte Angabe "begraben" (1 Kor 15,3 und im Glaubensbekenntnis) ist deshalb mehr als die Information über ein Begräbnis Jesu; sie spricht dasselbe aus wie die Worte im Glaubensbekenntnis: "hinabgestiegen in das Reich des Todes", d. h. die Teilhabe des Gekreuzigten am Los der Toten (vgl. Mt 12,40: Wie Jona wird "der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein"). Als der in das Totenreich Hinabgestiegene konnte der Gekreuzigte auch die Macht des Todes brechen.
Als älteste biblische Aussagen über das Ostergeschehen gelten: "wir glauben, dass Jesus starb und auferstand'" (1 Thess 4,14) und "den er (Gott) von den Toten auferweckte" (1 Thess 1,10). Beide Texte hat Paulus um das Jahr 50 unter Verwendung ihm schon vorgegebener Formulierungen niedergeschrieben. Ähnliches gilt für die 1 Kor 15, 3-4 zitierte vorpaulinische Reihung, "dass Christus starb... und begraben wurde, und dass er auferstand". Die Wörter "er stand auf" und "(Gott) weckte auf" sind dem Alltag entnommen (aufstehen von einem Lager, aufwecken vom Schlaf). Sie werden hier in übertragener Weise (als Metaphern) verwendet, um ein Geschehen zu benennen, dass sich der Wahrnehmung in unserer Welt entzieht. (In der deutschen Übersetzung deutet das die Wiedergabe mit "auferstehen" und "auferwecken" an.) Die übertragene Rede spricht keineswegs gegen die Realitat des Ausgesagten, so wie die Übernahme des Wortes "Kern" aus der außeratomaren Welt (Marillenkern), um als Metapher das uns unvorstellbare Innerste eines Atoms zu bezeichnen, keineswegs gegen die Realität der Kernenergie spricht.
Christi Auferstehung bzw. Auferweckung ist jüdischem Verstehenshorizont gemäß in erster Linie eine Tat Gottes, dies ist auch bei "auferstand" vorausgesetzt. Erst später wird sie ausdrücklich als Tat des Sohnes Gottes verkündet (z.B. Joh 2,19-21). Sie ist ein Geschehen, dass unsere irdische Geschichte übersteigt und ist darum - streng genommen - kein "Ereignis" wie etwa Geburt, öffentliches Auftreten und Tod Jesu sowie die Ostererfahrungen der Frauen und Jünger. Dem entspricht, dass nach Aussage der Bibel niemand Jesu Auferstehung gesehen hat. Von daher verstehen sich auch die unterschiedlichen Zeitangaben: "am dritten Tag" (1 Kor 15,4), "nach drei Tagen" (Mk 8,31), "drei Tage und drei Nächte" (Mt 12,40) oder "Stunde" der Erhöhung bzw. Verherrlichung (Job 17,1;3,14) und des Hingehens zum Vater (Joh 13,1). Diese dürfen nicht als chronologische Zeitangaben aufgefasst werden - dann widersprechen sie einander -, sondern als bildhafte, theologische Aussagen (nach einer großen Wende, wie etwa am Sinai) oder als Versuche, das Ostergeschehen eng mit der Geschichte Jesu unter Pontius Pilatus zu verknüpfen.
Der unsere Vorstellungen überbietende Charakter des Ostergeschehens erhellt auch daraus, dass die ersten Christen noch andere Formulierungen verwendeten. So heißt es Röm 10,9: "Wenn du mit deinem Mund bekennst 'Herr ist Jesus' und in deinem Herzen glaubst, 'Gott hat ihn von den Toten auferweckt', wirst du gerettet werden". Hier verweist "Herr ist Jesus" darauf, dass der Gekreuzigte zum "Kyrios" inthronisiert wurde, wie das auch in dem alten Christuslied ausgesprochen wird: Gott hat den, der sich bis zum Tod am Kreuz erniedrigte, "hoch erhöht und ihm den Namen geschenkt, der über alle Namen ist" (Phil 2,9). Gemeint ist, wie die folgenden Verse zeigen, der Name "Kyrios". Die Urkirche gelangte zu dieser Sprechweise nicht zuletzt durch ihre Auslegung des Psalmwortes (aus einem alten Inthronisationsritus): "Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt" (Ps 2,7), d h. als meinen Sohn adoptiert und zum König bestellt (vgl. Apg 13,33).
Im Johannesevangelium wird das Ostergeschehen als "Verherrlichung" und "Erhöhung" bezeichnet (3,14; 17,1), letztlich als eine Zusammenschau dessen, was wir gewöhnlich als drei Vorgange aufzählen: Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt. Beachtenswert sind die Worte, die der Auferstandene in der dichterisch tiefsinnig gestalteten Szene der Erscheinung vor Maria von Magdala spricht: "Halte mich nicht fest! Denn ich bin noch nicht aufgestiegen zum Vater. Geh aber zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich steige auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott" (Joh 20,17). Damit ist in der Sprache des vierten Evangeliums ausgesagt: Jesu Auferstehung ist noch im Vollzug und findet ihre Vollendung erst, wenn auch seine Brüder und Schwestern daran Anteil erhalten.
Die Entdeckung des geöffneten und leeren Grabes wird nur in den jüngeren Evangelien erwähnt, und zwar im Rahmen sehr unterschiedlicher Erzählungen. Auf das leere Grab wird dort nicht als Beweis, wohl aber als ein zum Nachdenken anregendes Zeichen verwiesen. Die im einzelnen von einander abweichenden Angaben über die Erscheinung eines oder zweier Engel dienen dazu, die Angaben der Frauen gegenüber dem Vorwurf zu verteidigen, sie hätten die Osterbotschaft erfunden. Sie wurde ihnen von Gott bzw. Christus kundgetan und sie sind somit die ersten Zeugen des Auferstandenen.
Nach den vielfältigen biblischen Zeugnissen ist Jesu Auferstehung also mehr als die Wiederbelebung seines Leichnams; sie ist die jede irdische Vorstellung überbietende Befreiung und Erhöhung des zu den Toten Hinabgestiegenen, um allen die Möglichkeit zu eröffnen, aus den Fängen des Todes befreit zu werden und an seiner Herrlichkeit Anteil zu erhalten. Natürlich stellt sich hier die Frage: Wie kommt die Urkirche zu dieser Erkenntnis, da doch niemand dies gesehen hat? Die Bibel antwortet darauf mit dem Hinweis auf die einzigartigen Ostererfahrungen der Frauen und Jünger. In den ältesten Texten werden diese schlicht mit "erschien" wiedergegeben (z.B. 1 Kor 15,5-8; vgl. Lk 24,34)) und in den jüngeren Evangelien in Form von Erzählungen malerisch dargestellt, um die Leser zum Glauben an den Auferstandenen hinzuführen oder darin zu bestärken. Aufschlussreich sind für kritische Leser vor allem die Aussagen des Apostels Paulus, der als einziger über seine Begegnung mit dem Auferstandenen geschrieben hat, so mit den Worten, dass Gott ihm seinen Sohn "enthüllte" (Gal 1,16), dieser ihm "erschien" (1 Kor 15,8), er ihn "sah" (1 Kor 9,1) , auf einzigartige Weise "erkannte" (Phil 3,7) und Gott ihn durch eine "Erleuchtung" befähigte "zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes auf dein Antlitz Christi' (2 Kor 4,6). Lukas hat dies auf Grund der ihm zur Verfügung stehenden Nachrichten seinem Erzählstil gemäß dreifach anschaulich geschildert: als Bekehrung, Aussendung zu den Heiden und Beauftragung zur Predigt (Apg 9;22;26).
Der heutige Leser wird durch diese Verkündigung in der Sprache einer früheren Epoche herausgefordert, sich durch die in der Kirche zuverlässig als Wort Gottes vermittelte Botschaft zum Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Sohn Gottes führen zu lassen. Dass "Auferstehung von den Toten" ein unser menschliches Verstehen in Frage stehendes Geschehen ist, deutet am Ende des Markusevangeliums die Notiz über die Flucht der erschrockenen Frauen aus dem Grabe und über ihr Schweigen an: Die Osterbotschaft hat ihnen regelrecht die Sprache verschlagen (Mk 16,8). Infolge unserer Fixierung auf das Vordergründige und unsere Erwartungen können wir die unseren irdischen Verstehenshorizont übersteigende Osterbotschaft nur dann annehmen und weitergeben, wenn der Herr uns durch seinen Lebensodem, den Heiligen Geist (vgl. Apg 13,3), dazu befreit (vgl. 1 Kor 12,3). Dasselbe gilt auch für die in dem Ostergeschehen verankerte Hoffnung auf unsere persönliche Auferstehung und ein ewiges Leben in der Gemeinschaft mit Christus. (Schluss)
Kathpress 20.04.2000 13:17
K200002546