von Max Angermann
Maria Himmelfahrt ist ein fest, das uns darauf hinweist, dass am Ende unseres Lebens Gott mit offenen Armen auf uns wartet.
In Maria gibt Gott Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Ziel unseres Lebens, aber auch nach der Bedeutung unseres Sterbens.
Ein Bereich, der hochaktuell für die heutige gesellschaftspolitische Situation ist. Sind wir doch in dem ganzen Problemkreis, wann das Leben wirklich vollendet ist, wann es beendet werden darf, auch nach unserem ganz persönlichen Auferstehungsglauben gefragt.
Die griechische Philosophie hat es geschafft, den biblisch - ganzheitlichen Menschen in Leib/Materie einerseits und Seele/Geist andererseits zu trennen, was unserem Glauben an die Auferstehung einen schlechten Dienst erwiesen hat. Die jüdisch-christliche Tradition sagt, dass der ganzheitliche Mensch mit Leib und Seele auferstehen wird. Wie immer das geschieht, bleibt "Geheimnis des Glaubens", wie wir in der Eucharistiefeier bekennen. Glaube selber ist kein spontaner Akt, sondern Antwort auf Gottes liebende Zuwendung. Daher dürfen wir auch über Maria sagen, sie ist ein Mensch der ständigen Gottbezogenheit. Marienfeste werden deshalb nie ohne Bezug zu Christus gefeiert werden können.
Marienfeste - auch dieses Fest- sind Stationen, bei denen es zu überlegen gilt, welchen Platz und welche Rolle Frauen in der Gesellschaft damals und heute einnehmen. Jesus hatte einen ungezwungenen Umgang mit Frauen, er versuchte diesbezüglich gesellschaftliche Barrieren zu durchbrechen. Wie sieht es heute mit der Stellung der Frau in der Gesellschaft und Kirche aus? Sind wir nicht auch in dieser Frage, wie Weihbischof Dr. Krätzl formuliert "im Sprung (noch) gehemmt"?
Das Fest der "Aufnahme Mariens in den Himmel" ist auch ein Fest gegen die Leibfeindlichkeit.
Obwohl es in den letzten vierzig Jahren auch kirchlicherseits zur Körperlichkeit, zum Leib eine allmählich unbefangenere Sichtweise gibt, gilt es trotzdem, immer wieder darauf hinzuweisen, den Leib mit Dankbarkeit zu sehen (Form der Selbstliebe), gleichzeitig aber auch jede Vergötzung fernzuhalten.
Die Achtung vor dem Leib und der Natur zeigt sich im Brauch der
Kräutersegnung. Er stammt aus dem 10. Jhdt. Es dürfte sich hiebei um einen
verchristlichten Brauch handeln. Während in den Großstädten mitten im
Hochsommer der Tag "Mariä Aufnahme in den Himmel" nur als Feiertag
geschätzt wird, sonst aber wenig Beachtung findet, wird er bis heute auf dem
Land als "Großer Frauentag" festlich begangen. Da und dort finden
auch Prozessionen bzw. Schiffsprozessionen statt. (Schiffsprozession und
Kräutersegnung am Wörthersee).
Dabei spielt die Vorstellung mit, dass Pflanzen im "Frauendreißiger",
das sind die dreißig Tage zwischen dem 15.8. und dem 8.9. besonders wirksam
seien.
Die "Legenda aurea" besagt, dass dem Leichnam Mariens ein Engel eine Palme vorantrug, die unbeschreiblich guten Duft verbreitete. Später sollen die Apostel im Grab der Gottesmutter statt des Leichnams Blumen gefunden haben. Der Brauch scheint auch deshalb sinnvoll, da Maria mit Blumen in Zusammenhang gebracht wird: Rose ohne Dorne, Lilie ohnegleichen...
In der Kräutersegnung kommt zum Ausdruck, dass der Mensch unmittelbar mit der Schöpfung verbunden ist und dass auch sein Wohl und Wehe, seine Existenz letztlich von diesen Pflanzen abhängt.
So kann uns dieser schöne Brauch auch Hinweis dafür werden, dass wir nicht Räuber, sondern Gärtner der Schöpfung sein sollen und die Güter dieser Erde gerecht verteilen sollen.
Mariä Himmelfahrt, ein Fest mit großer Bedeutung, ein Fest mit reicher Symbolik und tiefem theologischen Gehalt. Wird es wohl auch in unseren Großstädten wieder heimisch werden?
Gott wartet auf uns alle mit offenen Armen. Er wartet auf den ganzen Menschen und will ihn zur Vollendung bringen. Am heutigen Festtag bekennen wir glaubend, dass Gott in Maria den ersten Schritt dazu bereits getan hat. So hoffen wir auch für uns und unsere Lieben, dass wir einmal als ganzer Mensch bei ihm daheim sein werden.
© Max Angermann, August 2002