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Kontexte zu den Schriftlesungen am 15. August 2002
Mariä Aufnahme in den Himmel

zusammengestellt von Maria Wachtler


Kontext 1:

Die biblischen Quellen
Grundlage des Festes Mariä Aufnahme in den Himmel

Sie sind recht spärlich. Aus den Angaben des Zweiten Testaments lässt sich bestenfalls eine grobe biographische Skizze erschließen.

Im Galaterbrief, der noch vor den Evangelien entstanden ist, wird sie nur indirekt genannt (4,4: "Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren aus einer Frau..."), die Evangelien berichten etwas mehr. Wir lesen den (nicht zum Fest passenden) Teil der lukanischen Kindheitsgeschichte (Lk 1,26-38), als Evangelium zum 8. Dezember und als Schriftstelle am 15. August zu "Aufnahme Mariens in den Himmel" die Fortsetzung (Lk 1,39-56) mit dem Magnifikat.

Aus der Apg 1,14 wissen wir, dass die Gottesmutter Mitglied der Urgemeinde war.

Zu erwähnen wäre noch das Proto-Evangelium des Jakobus, das 150, also wesentlich später als die Evangelien entstanden ist und das die Erzählungen von Lukas und Matthäus ausschmückt.

Der Verfasser gibt sich als Bruder Jesu aus, gemeint ist Weggefährte, dürfte aber kaum Jude gewesen sein. Diese Schrift hat aber für Kunst, Dichtung, Liturgie einiges zum abendländischen Marienbild beigetragen. Wir kennen einzig und allein über das Proto-Evangelium die Namen der Eltern von Maria: Joachim und Anna.

Keine Marienverehrung ohne Christus

Die Evangelien, auch die Apostelgeschichte belegen, dass das Leben Jesu und seiner Mutter trotz der kargen Berichte in enger Abhängigkeit stehen. Der Apostelgeschichte kann man entnehmen, dass Maria und die junge Kirche zusammengehören.

In der Kirchengeschichte, vor allem der ersten fünf Jahrhunderte, spielt daher die Mutter Jesu eine unverzichtbare Rolle. Theologen der Alten Kirche klären zunächst, wer Christus ist: nur Gott, nur Mensch? Sie kommen zu dem Glaubenssatz: "Jesus ist wahrer Gott und wahrer Mensch" und Maria vollendet in der biologischen und geistlichen Nähe zum Sohn durch ihr freiwilliges JA der Weg der Nachfolge. 
Trotzdem galt es, noch ein Problem zu lösen: Weil Maria nur Menschennatur hatte, konnte sie auch nur einen Menschen gebären. Das Konzil von Ephesus entschied deshalb 431: Maria hat Gott geboren, indem sie einen Menschen zur Welt brachte, der vom ersten Augenblick seines Menschseins auch Gott ist.

Die lateinische Kirche legt diese Erkenntnis in den sprachlich sperrigen Dogmen von der "Unbefleckten Empfängnis Mariens" (1854) und ihrer "Aufnahme in die göttliche Herrlichkeit" (1950) fest.

Geschichtliche Wurzeln des Festes und ökumenische Überlegungen

Die Dogmatisierung "Maria als Gottesgebärerin" am Konzil von Ephesus 431 ist gleichsam der Start für die Entstehung einer intensiven Marienverehrung und damit auch für die Entstehung des Festes "Entschlafung Mariens" bzw. des Festes "Gedächtnis Mariens".

Im 6. Jhdt. war es im Osten bereits vielerorts gefeiert, bekannt als "Natale Sanctae Mariae" (= Geburtstag der Heiligen Maria), gemeint ist damit, dass ihr Sterbetag, der historisch genausowenig zu fassen ist, wie ihr irdischer Geburtstag, der himmlische Geburtstag ist. Kaiser Mauritius (582 - 602) führte diesen Gedenktag im gesamten Byzantinischen Reich mit feierlicher Prozession ein. Vor diesem Fest folgt bis heute im Osten eine zweiwöchige Fastenzeit.

Im Westen fand das Fest nicht sofort Eingang. Erst durch den aus Syrien stammenden Papst Sergius I. (687 - 701) fand es allgemein Verbreitung und wurde in Anlehnung an den Osten gefeiert. Der theologische Aspekt verschob sich dabei etwas in der Namensgebung: Assumptio Mariae (= Aufnahme Mariens in den Himmel), also ein passiver Vorgang, während man bei Christus von einer "ascensio", einer Auffahrt spricht, somit von einem Selbsttun des Auferstandenen ausgeht.
Damit wird das Osterfest als Christi-Himmelfahrts-Fest weiter entfaltet.

Der Liedhymnus in der orthodoxen Liturgie zu diesem Fest lautet: "Im Gebären hast du die Jungfräulichkeit bewahrt, im Entschlafen die Welt nicht verlassen, Gottesgebärerin. Du bist hinübergegangen zum Leben, du bist die Mutter des Lebens, und durch deine Fürbitten erlösest du vom Tod unsere Seelen."

Der Ausdruck "hinübergegangen" (griech.: metestis) deutet an, dass Maria am Leben geblieben ist und als Schutzfrau der Gläubigen weiter wirkt. Diese Überzeugung hat sich bis heute besonders fest in den Kirchen des Ostens eingewurzelt und ist biblisch besser abgesichert als "Himmelfahrt Mariens", bei der "Erhöhung" gemeint ist.

In der römisch - katholischen und in der orthodoxen Kirche hat Marienverehrung einen besonderen Rang und auch viel Gemeinsames. Marienfeste sind wesentlicher Bestandteil des Kirchenjahres. Die Orthodoxie greift aber neben biblisch bezeugten Ereignissen auch auf Apogryphen (= verborgene, nicht in den Kanon der Bibel aufgenommene Schriften) zurück und schafft mitunter eigene Feste (z.B.: Fest der Gewandniederlegung). Im Gegensatz zur röm. kath. Kirche schufen die orthodoxen Kirchen kein Dogma, weil für sie die gelebte Tradition das beste Zeugnis für Marienverehrung darstellt.

(Max Angermann)


Kontext 2:

Seit du fort bist Sohn

Seit du fort bist Sohn
wartet Tag für Tag meine Seele
Lass am Ende der Tage
auch meine Geschichte
in den Himmel auffahren
dass sie ewig zu dir
vor dem Vater staune

Aus: Paul Konrad Kunz, Maria, Maria (Butzon & Bercker 2002)


Kontext 3:

So in dein Bild getaucht


So in dein Bild getaucht meine Seele
Seit der Stunde des Engels
Sohn
immer zu dir

Durch das Wort mir gebildet
im Leib dein Atem
Wöchnerin schauend
Noch weit draußen wölbt sich
um deine Gestalt mein Schoß

Mutteraugen folgten dir Heiliger
in die Wüste
Tochter ward ich drunten am Fluss
sah die Gefährten kommen
Seligrufe über die Berge
das Jauchzen Geheilter hör ich am Wasser
Fragen schellten in die Muschel
aus der Tempelstadt Streit

2
Alt geworden du weißt
meine Haut verblüht
die Worte leiser
Immer öfter fährt
zu den Müttern mein Denken
sprech ich mit Joseph nachts
Sahst du Jeschua deinen Vater
auf der Reise durch Scheol
ist er angekommen bei dir

3
Wohin du gingst
dein Vorschein leuchtet
Du wartest Sohn
Ich komme geliebter
Meine Seele verlangt
weiß nicht aus welcher
Leibgestalt zu dir

Aus: Paul Konrad Kunz, Maria, Maria(Butzon&Bercker 2002)


Kontext 4:

Himmelfahrtsstrophen

1
Durch Bahnen Lichts
ins Licht der Sonne

Geboren
fruchtet
der selige Geist

2
Ich weiß du siehst
Ich weiß du wartest
Ich weiß du weißt

3
Von hier
nach nicht mehr hier
braucht es viele Gebete

Von hier
nach nicht mehr hier
geschieht Menschen Gewalt

4
Wo Erde
Wo Himmel
Wo Leib wo Seele

Du siehst Heiliger
Du leuchtest Tochter
Du strahlst Sohn

5
Was dunkel leuchtet
Was erlischt erstrahlt
Was ängstlich beseligt

6
Nicht mehr allmächtig
Nicht mehr Sieger
Nicht mehr das Ende der Tod

7
Euphorisches Glauben
Euseliges Denken
Euhimmlisches Fahren

Aus: Paul Konrad Kunz, Maria, Maria (Butzon & Bercker 2002)


Kontext 5:

Maria Heimgang
Meditation von B. Welte

Das Letzte im Leben Mariens, wie im Leben jedes Christen, ja jedes Menschen ist dieses: Dass es im Tod zu Ende ging. In der Heiligen Schrift lesen wir nichts von diesem Tod, sie bewahrt Schweigen darüber. Aber die Frömmigkeit hat sich von früh an und immer wieder mit diesem Tod beschäftigt, und sie weiß davon manchen zu berichten. Das schönste Zeugnis, das von diesem verehrenden Gedenken übriggeblieben ist, ist das Fest Maria Himmelfahrt, das auch Maria Heimgang genannt wird. Wir feiern es in der Höhe des Sommers, mit Liedern und mit Blumengebinden. Erst in neuerer Zeit ist der alte Gedanke von der Aufnahme Mariens bei ihrem Tod in den Himmel zur amtlichen Lehre der Kirche erhoben worden. Damit ist dieser verehrende Gedanke von der Gemeinschaft der Gläubigen festlich aufgestellt worden.

Dabei wurde ein besonderer Wert darauf gelegt, zu sagen, dass Maria bei ihrem Tod mit Leib und Seele in den geheimnisvollen Glanz des Himmels erhoben wurde.

Was bedeutet das alles?

Auch Maria also musste sterben, wie Jesus sterben musste und wie wir alle sterben müssen. Sie scheint still ihren letzten Weg gegangen zu sein.

Wir dürfen aber denken, dass dieser Tod die Vollendung ihrer mütterlichen und gläubigen Gemeinschaft mit Jesus war. Sie war ihm ja nahe von seiner Empfängnis und Geburt an bis zu seinem Tod. Und sie war ihm auch dann auf eine neue Weise nahe in seiner Auferstehung und wurde in Gemeinschaft mit der jungen Kirche von seiner Nähe noch einmal neu erfüllt durch die Gabe des Geistes. In dieser mütterlichen, glaubenden, geisterfüllten Nähe wird sie auch ihren eigenen Tod bestanden haben. Sie wird gestorben sein mit Jesus und im Geiste Jesu in die Hände des Vaters. So wird der Tod sie ins Herz des Vaters geführt haben. Der Vater wird sie ja aufgenommen haben mit Jesus, und er wird sie als Jesu liebe Mutter besonders erhoben und an sein Herz genommen haben.

Wir sagen, sie sei in den Himmel erhoben worden. Der Himmel, das ist eigentlich das Herz Gottes oder das Licht oder die reine Weite des Vaters. Der sichtbare Himmel in seiner weiten lichten Bläue über unseren Häuptern ist ein Abbild des Himmels Gottes. Und der Himmel, das ist auch die Gemeinschaft aller Kinder Gottes, die in Gottes Herzen geborgen sind.

Wie der sichtbare Himmel in dieser Welt alle Menschen umfängt, so und viel schöner noch wird der unsichtbare Himmel des Herzens Gottes alle umfangen, die zu ihm gehören.

Der Himmel ist eigentlich die Heimat aller Menschen, der geheimnisvolle, weite und lichte Ort, an den wir alle eigentlich hingehören, weil Gott ihn uns von Anfang an zugedacht hat. Darum sind wir hier auf Erden ohne Ruhe unterwegs.

Maria ist so in die Heimat gegangen, in unser aller Heimat, als sie starb. Es war Mariä Heimgang und zugleich das Vorbild unseres eigenen Heimgangs.

Wir sagen auch, Maria ist mit Leib und Seele in diese Heimat gegangen oder in diesen Himmel erhoben worden. "Leib und Seele", das ist ein Ausdruck für den ganzen Menschen mit allem, was zu ihm gehört. Wir sind ja keine leiblosen Geister. Wir sind vielmehr immer ein Ganzer: leibhaftige, lebendige, nach Glück strebende Menschen. Auch Maria war so ein leibhaftiger, lebendiger, nach Glück strebender Mensch. Leibhaftig und lebendig hat sie ihr Kind empfangen, leibhaftig und lebendig ist sie im Tode heimgegangen, und der Geheimnisvolle, der die große Heimat ist, hat all dies leibhaftige und lebendige Geschehen emporgehoben, den ganzen Menschen und sein ganzes Leben. Und so ist sie ganz daheim, mit Leib und Seele.

Zu diesem ganzen Menschen, denken wir daran, gehören auch die, die ihm nahestehen, die Verwandten und die im Geist oder wie immer Verbundenen. Auch diese Verbundenheit, und besonders jene Verbundenheit des Glaubens, die wir Kirche nennen, dürfen wir miterhoben glauben, auch dieses Ganze glänzt im geheimnisvollen Licht der Heimat.

Das Letzte, das Endgültige, das, worin alles für immer gesammelt ist und gesammelt bleibt und nichts verloren ist.

Das, worin alles endgültig ruht und lebt in lautlosem Lobpreis, in leibhaftiger Freude, in Gott. Maria Heimgang.

Dieser Weg in die Heimat hat mit der Bereitschaft begonnen für Gott und mit dem stillen und mutigen JA zu seiner großen Herausforderung.

Maria ist diesen Weg in der mütterlichen und glaubenden Verbundenheit mit Jesus gegangen.

Aus: B. Welte, Maria, die Mutter Jesu, Herder